Sonntag, 27. Oktober 2013

21-10-2013

“You feel the last bit of breath leaving their body. You’re looking into their eyes. A person in that situation is God!” – Ted Bundy


Ich starre durch einen Tunnel, am anderen Ende erkenne ich ihr angsterfülltes Gesicht. Beruhig dich mein Schatz, alles wird gut, möchte ich ihr sagen. Ich sehe meine bebenden Hände ihren Hals umschlingen. Sie ringt um nur einen winzigen Atemzug. Vielleicht ihr letzter. Alles um mich herum verstummt, eine lautlose Symphonie der Gefühle. So musste Beethoven sich gefühlt haben, als er seine Finger über die Klaviatur schweben ließ. Eine Träne rinnt zögerlich ihre Wange entlang und findet ihr Ende an meinem Polster, es ist nicht ihre. Ich weine eigentlich nie, konnte es aber dieses Mal einfach nicht zurück halten. Das Gefühl von Freude und Erregung überkommt mich, nimmt meinen ganzen Körper ein, ich bin gefesselt. Nie zuvor war ich so glücklich, so vollkommen, so frei, einfach ich selbst. Erst in diesem Augenblick wird mir ihre Schönheit bewusst. Welch reizende Gesichtszüge sie besitzt und wie das Mondlicht sich in ihren Augen spiegelt. Ich merke wie sie langsam aufgibt, sie wehrt sich kaum noch, ihre Kräfte schwinden und Schritt für Schritt erlischt das Licht in ihren Pupillen. Ein Moment voller Intensität und Macht. Wie kann etwas so Schönes, so schnell vergehen. Wie kann es sein…


07:34

Das klirrende Geräusch einer Flasche reißt mich plötzlich aus meinem Schlaf, gefolgt von einem gezischten „Scheiße“. Ich starre vorbei an zwei Bierflaschen an meine Neo-Barocke-Zimmertapete. Eine Flasche ist noch fast voll, die andere beinahe leer. In ihr schwimmen zwei tote Fliegen, die den verzweifelten Kampf ums Überleben verloren haben. Welch Elend, sie hätten zumindest die volle Flasche wählen sollen. Wie gelähmt starre ich an die Wand und kann mich nicht bewegen. Einerseits weil ich noch halb schlaftrunken bin und nicht realisieren kann was gerade geschehen ist, war das alles nur ein Traum? Andererseits möchte ich nicht ertappt werden, sie soll bloß nicht bemerken, dass ich schon wach bin. Soll ich normal weiter atmen, oder doch lieber die Luft anhalten? Gerade jetzt kitzelt es in meiner Nase, wieso muss das immer dann passieren, wenn man es am allerwenigsten braucht?
Hinter mir kann ich die kleinste Bewegung wahrnehmen, obwohl sie sich größte Mühe zu geben scheint, mich nicht zu wecken. Die Betonung liegt bei scheint, denn als sie gerade dabei ist das Zimmer zu verlassen, bleibt sie mit ihrem kleinen Zeh an der Bettkante hängen und stößt einen jämmerlichen Laut von sich. Ich kann mir das Grinsen nur schwer verkneifen und sie hat es plötzlich ganz eilig. Du graziöses Nilpferd, vergiss deine High-Heels bloß nicht. Ich lausche weiter ihren eleganten Schritten durch mein Wohnzimmer. Es hört sich an, als würde eine Herde Gnus und Zebras vor jagenden Löwen flüchten, jetzt fehlt nur noch, dass sie ausrutscht und fällt. Den krönenden Abschluss macht das praktisch lautlose Zuschlagen meiner Wohnungstür, diese Frau ist unmöglich. Ich richte mich langsam auf und streiche mir dabei langsam über mein Genick. Den Schmerzen am ganzen Körper zufolge muss ich falsch gelegen haben. Als ich mir den Schlaf aus dem Gesicht wische, bemerke ich eine Träne unter meinem rechten Auge. Ich folge ihr bis zur Wange und halte anschließend meine Hand verwundert vor mich hin. Ich inspiziere sie aufs Genaueste, fühle mit meinem Daumen darüber und koste von ihr. Ja tatsächlich, es ist eine Träne, passend zur morgendlichen Erektion. Jetzt brauche ich einen Kaffee.


08:02

Ich verliere mich beim Anblick des Nebels, während ich in der Küche barfuß auf den kalten Fliesen stehe und aus dem Fenster spähe. Wie ferngesteuert mache ich mir meinen Kaffee. Trotz ihres Alters, hat mich meine alte, rote Espresso Maschine noch nie im Stich gelassen. Sie sieht heute etwas weniger schäbig aus als sonst, das liegt wohl an der behaglichen Atmosphäre, die der Nebel verbreitet. Schon als Kind hat mich Nebel fasziniert und in mir ein wohliges Gefühl ausgelöst. Als würde man durch Wolken spazieren. Im Fernen kann ich immer lauter werdende Schritte vernehmen, die durch den Kiesel stapfen. Ein angenehmes, ja fast beruhigendes Geräusch. An dem schleifenden Gang erkenne ich, dass es Steve ist. Von einer Sekunde auf die andere wird aus einer verschwommenen Gestalt ein großer, stämmiger Mann. Er winkt mir verschlafen zu und stolpert ins Büro, typisch Steve. Beim Anblick des Nebels versinke ich wieder in meine Gedanken. Was zum Teufel habe ich letzte Nacht geträumt? Eigenartig, auch wenn ich noch so hartnäckig versuche mich zu erinnern, erscheint kein Bild. Wieso habe ich mich so wohl gefühlt? Erst jetzt bemerke ich, dass sich der Kaffeebecher in meine Hand brennt. Ich schreie mit schmerzverzerrtem Gesicht auf und lasse den Becher schlagartig fallen, der an der Küchentheke in hundert Stücke zerschellt.


09:13

Ich schließe meine hölzerne Eingangstür und schlendere über den Kieselweg, Richtung Büro. Ich lasse absichtlich meine Schuhsohlen schleifen, um dem Kiesel zu lauschen. Der Nebel hat sich etwas gelichtet und so erkenne ich verschwommen das leuchtende Neonschild „FirmenName“ über der sperrigen Eisentür, die in unser Büro führt. Um sie zu öffnen muss ich mich mit viel Kraft gegen sie stemmen. Hätten wir Laufkundschaft würde diese Tür für permanente Beschwerden sorgen, sie muss mindestens 100 Kilogramm wiegen. „Warum bist du schon so zeitig hier?“ frage ich Steve neckisch. „Ich konnte nicht einschlafen, hab´ die Nacht durchgemacht. Sollte ich müde werden, lege ich mich für ein paar Stunden aufs Ohr“ antwortet er, während er es sich auf unserer Bürocouch bereits bequem macht und durch ein Computermagazin blättert. Ich starte meinen Computer und öffne mit Widerwillen meinen Email-Posteingang. Da TabTv über das Wochenende keine Supportanfragen bearbeitet, kann ich mich nun auf hunderte von unbeantworteten E-Mails freuen. Ich habe schon oft mit dem Gedanken gespielt den Supportbereich an jemanden anderen zu übergeben, um meine Zeit neuen Projekten widmen zu können. Derzeit besteht „FirmenName“ lediglich aus Steve und mir. Wir sind ein gutes Team, jeder mit besonderen Qualitäten, vereint ein innovatives Jungunternehmen. "Ein dritter im Boot bedeutet nur unnötige Kosten und wie ich sehe, kannst du dir nicht einmal ein sauberes Hemd leisten, oder sind die braunen Flecken etwa der neuste Modetrend? „Was für ein Modetrend? Achso das! Nein mir ist vorhin nur der Kaffee aus der Hand gerutscht“, antworte ich und füge hinzu „121 unbeantwortete Supportanfragen warten auf uns, wir sollten uns an die Arbeit machen!“ Ich blicke über den Schreibtischrand und betrachte einen auf der Couch kauernden, den Mund weit aufgerissenen, sabbernden Steve. Das war ja klar.

„libes team vom firmenname, ich hab ein problem mit eurem App! es funkt voll nicht richtig und wenn ich den TV so einschalte geht das Ding gar nicht. aba ich hab mir nen neuen Sony gekauft, voll komisch oder? könnt ihr bitte ein update raushauen? thhhhhxxxx und lg von babsi! ps: ich hab euch 5 sterne im store gegeben!“

Schon nach dem ersten Email verlässt mich meine Motivation. Das wird ein harter Tag, wenigstens hat sie App richtig geschrieben. Irgendwie fühle ich mich träge, als hätte ich die ganze Nacht nicht richtig geschlafen. Vielleicht bin ich auch nur einfach verkühlt. Ich spüre wie meine Augenlider immer schwerer werden, als hätte jemand kleine Gewichte daran montiert. Ich lehne mich in meinen Bürosessel zurück und mein Kopf fällt zur Seite, entkräftet fällt mir auf, dass der Mistkübel heute noch gar nicht entleert wurde. Wo bleibt Jadwiga?
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